Kapitel 4 Der Palast der Nacht
Einige Zeit später trafen sich die Kinder und ihre Freunde beim ersten Morgengrauen, um zum Palast der Nacht zu gehen, wo sie den Blauen Vogel zu finden hofften. Mehrere der Gruppe meldeten sich nicht, als sie gerufen wurden. Milch, der jede Art von Aufregung zuwider war, blieb in ihrem Zimmer. Wasser schickte eine Entschuldigung: Sie war es gewohnt, immer in einem Bett aus Moos zu reisen, war schon halb tot vor Müdigkeit und hatte Angst, krank zu werden. Was Licht anbelangt, so war sie seit Anbeginn der Welt mit Nacht verfeindet, und Feuer, als Verwandter, teilte ihre Abneigung. Licht küsste die Kinder und wies Tylô den Weg, denn es war seine Aufgabe, die Expedition zu führen; und die kleine Gruppe machte sich auf den Weg.
Ihr könnt euch den lieben Tylô vorstellen, wie er auf seinen Hinterbeinen wie ein kleiner Mann vor sich hin trabt; die Nase in der Luft, die Zunge am Kinn herunterhängend, die Vorderpfoten auf der Brust gefaltet. Er zappelt, schnüffelt herum, rennt hin und her, legt die doppelte Strecke zurück, ohne sich darum zu kümmern, wie müde ihn das macht. Er ist so von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt, dass er die Versuchungen auf seinem Weg verschmäht: Er vernachlässigt die Müllhaufen, beachtet nichts, was er sieht, und schneidet alle seine alten Freunde.
Armer Tylô! Er war so erfreut darüber, ein Mensch zu sein, und doch war er nicht glücklicher als zuvor! Natürlich war das Leben für ihn dasselbe, denn sein Wesen hatte sich nicht verändert. Was nützte es ihm, ein Mensch zu sein, wenn er weiterhin wie ein Hund fühlte und dachte? Tatsächlich, vergrößerte das Gefühl der Verantwortung, das nun auf ihm lastete, seine Sorgen noch um ein Hundertfaches.
»Ah!«, sagte er seufzend, denn er schloss sich blindlings der Suche seiner kleinen Götter an, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, dass das Ende der Reise auch das Ende seines Lebens bedeuten würde. »Ah«, sagte er, »wenn ich diesen Schurken von einem Blauen Vogel erwische, glaubt mir, ich würde ihn nicht einmal mit der Zungenspitze berühren, nicht einmal, wenn er so fett und süß wie eine Wachtel wäre!«
Brot folgte feierlich und trug den Käfig, dann kamen die beiden Kinder, und Zucker bildete das Schlusslicht.
Aber wo war die Katze? Um den Grund für ihre Abwesenheit zu erfahren, müssen wir ein wenig zurückgehen und ihre Gedanken lesen. Zu der Zeit, als Tylette eine Versammlung der Tiere und Dinge im Saal der Fee einberief, dachte sie über einen großen Plan nach, der darauf abzielte, die Reise zu verlängern; aber sie hatte nicht mit der Dummheit ihrer Zuhörer gerechnet:
»Diese Idioten«, dachte sie, »haben fast alles verdorben, indem sie sich dummerweise der Fee zu Füßen warfen, als ob sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht hätten. Es ist besser, sich nur auf sich selbst zu verlassen. In meinem Katzenleben beruht unsere gesamte Ausbildung auf Misstrauen; ich sehe, dass es im Leben der Menschen genauso ist. Wer sich anderen anvertraut, wird nur verraten; es ist besser zu schweigen und selbst verräterisch zu sein.«
Wie ihr seht, meine lieben kleinen Leser, befand sich die Katze in der gleichen Lage wie der Hund: ihre Seele hatte sich nicht gewandelt und setzte einfach ihr früheres Dasein fort; aber natürlich war sie sehr böse, während unser lieber Tylô eher zu gut war. Tylette beschloss also, auf eigene Faust zu handeln, und machte sich noch vor Tagesanbruch auf den Weg, um Nacht, eine alte Freundin von ihr, aufzusuchen.
Der Weg zum Palast der Nacht war ziemlich lang und ziemlich gefährlich. Auf beiden Seiten des Weges gab es Abgründe, man musste hinauf- und hinunterklettern und dann wieder hinaufklettern; zwischen hohen Felsen, die immer darauf zu warten schienen, die Passanten zu erdrücken. Schließlich gelangte man an den Rand eines dunklen Kreises, und dort musste man Tausende von Stufen hinabsteigen, um den unterirdischen Palast aus schwarzem Marmor zu erreichen, in dem Nacht lebte.
Die Katze, die schon oft dort gewesen war, rannte den Weg entlang, leicht wie eine Feder. Ihr vom Wind getragener Umhang wehte wie eine Fahne hinter ihr her, die Feder an ihrem Hut flatterte anmutig, und ihre kleinen grauen Ziegenstiefel berührten kaum den Boden. Bald erreichte sie ihr Ziel und gelangte mit wenigen Sprüngen in die große Halle, in der sich Nacht befand.
Es war wirklich ein wunderbarer Anblick. Nacht, stattlich und prächtig wie eine Königin, lehnte auf ihrem Thron; sie schlief; und kein Schimmer, kein Stern funkelte um sie herum. Aber wir wissen, dass die Nacht keine Geheimnisse vor Katzen hat und dass ihre Augen die Macht haben, die Dunkelheit zu durchdringen. So sah Tylette Nacht, als ob es heller Tag wäre.
Bevor sie sie weckte, warf sie einen liebevollen Blick auf das mütterliche und vertraute Gesicht. Es war weiß und silbrig wie der Mond, und seine unbeugsamen Züge riefen sowohl Furcht als auch Bewunderung hervor. Nachts Gestalt, die durch ihre langen schwarzen Schleier halb sichtbar war, war so schön wie die einer griechischen Statue. Sie hatte lange Arme, und ein Paar riesiger Flügel, die sich im Schlaf zusammengerollt hatten, reichten von den Schultern bis zu den Füßen und verliehen ihr ein unvergleichlich majestätisches Aussehen. Doch trotz ihrer Zuneigung zu ihrer besten Freundin verschwendete Tylette nicht allzu viel Zeit damit, sie zu betrachten: Es war ein kritischer Moment, und die Zeit war knapp. Müde und erschöpft und von Schmerzen überwältigt, sank sie auf die Stufen des Throns und miaute in klagendem Ton:
»Ich bin es, Mutter Nacht! Ich bin so erschöpft!«
Nacht ist von sorgenvoller Natur und leicht zu beunruhigen. Ihre Schönheit, die auf Frieden und Ruhe aufgebaut ist, besitzt das Geheimnis der Stille, die das Leben ständig stört: ein Stern, der durch den Himmel schießt; ein Blatt, das zu Boden fällt; der Schrei einer Eule; ein bloßes Nichts reicht aus, um das schwarze Samttuch zu zerreißen, das sie jeden Abend über die Erde legt. Die Katze hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Nacht sich bebend aufsetzte. Ihre riesigen Flügeln schlugen um sich und sie befragte Tylette mit zitternder Stimme. Kaum hatte sie erfahren, welche Gefahr ihr drohte, begann sie ihr Schicksal zu beklagen. Was! Der Sohn eines Menschen kommt in ihren Palast! Um vielleicht, mit Hilfe des magischen Diamanten, ihre Geheimnisse zu entdecken! Was sollte sie tun? Was würde aus ihr werden? Wie könnte sie sich verteidigen? Und, vergessend, dass sie gegen die Stille sündigte, ihren eigenen besonderen Gott, begann Nacht durchdringende Schreie auszustoßen. Es stimmte, dass ein solcher Aufruhr ihr kaum helfen würde, ein Heilmittel für ihre Probleme zu finden. Zu ihrem Glück war Tylette, die an die Ärgernisse und Sorgen des menschlichen Lebens gewöhnt war, besser gewappnet. Sie hatte ihren Plan ausgearbeitet, als sie den Kindern vorausging, und hoffte, Nacht davon überzeugen zu können. Sie erklärte ihr diesen Plan in wenigen Worten:
»Ich sehe nur eine Möglichkeit, Mutter Nacht: Da es sich um Kinder handelt, müssen wir ihnen einen solchen Schrecken einjagen, dass sie es nicht wagen, darauf zu bestehen, die große Tür im hinteren Teil der Halle zu öffnen, hinter der die Vögel des Mondes, und üblicherweise auch der Blaue Vogel, leben. Die Geheimnisse hinter den anderen Türen werden sie mit Sicherheit erschrecken. Die Hoffnung für unsere Sicherheit liegt in dem Schrecken, den du ihnen bereiten wirst.«
Es gab eindeutig keine andere Möglichkeit. Aber Nacht hatte keine Zeit zu antworten, denn sie hörte ein Geräusch. Ihre schönen Gesichtszüge zogen sich zusammen, ihre Flügel breiteten sich zornig aus, und alles an ihrer Haltung verriet Tylette, dass Nacht ihren Plan guthieß.
»Sie sind hier!«, rief die Katze.
Die kleine Gruppe marschierte die Stufen von Nachts düsterer Treppe hinunter. Tylô stolzierte tapfer voran, während Tyltyl sich mit besorgtem Blick umsah. Er fand gewiss nichts, was ihn tröstete. Es war alles sehr prächtig, aber auch sehr beängstigend. Stellt euch eine riesige, wunderbare Halle aus schwarzem Marmor vor, von strenger, grabenartiger Pracht. Es ist keine Decke zu sehen, und die Ebenholzsäulen, die das Amphitheater umgeben, ragen hoch in den Himmel. Erst wenn man den Blick nach oben hebt, sieht man das schwache Licht der Sterne fallen. Überall herrscht die dichteste Dunkelheit. Zwei unruhige Flammen – mehr nicht – flackern zu beiden Seiten von Nachts Thron, vor einer gewaltigen Tür aus Messing. Durch die Säulen zur Rechten und zur Linken sind Bronzetüren zu sehen.
Die Katze eilte auf die Kinder zu:
»Hier entlang, kleiner Herr, hier entlang! Ich habe Nacht alles erzählt; und sie ist erfreut, dich zu sehen.«
Tylettes sanfte Stimme und ihr Lächeln ließen Tyltyl wieder zu sich selbst finden, und er schritt mit kühnem und zuversichtlichem Schritt auf den Thron zu und sagte:
»Guten Tag, Frau Nacht!«
Nacht war beleidigt über die Worte »Guten Tag«, die sie an ihren ewigen Feind, Licht, erinnerten, und antwortete trocken:
»Guten Tag? Das bin ich nicht gewöhnt! Du könntest sagen: ›Gute Nacht‹, oder wenigstens ›Guten Abend‹!«
Unser Held war nicht bereit, zu streiten. Er fühlte sich sehr klein in der Gegenwart dieser stattlichen Dame. Er bat sie schnell um Verzeihung, so nett er konnte, und bat sie sehr höflich um die Erlaubnis, den Blauen Vogel in ihrem Palast suchen zu dürfen.
»Ich habe ihn nie gesehen, er ist nicht hier«, rief Nacht und schlug mit ihren großen Flügeln, um den Jungen zu erschrecken.
Aber als er darauf beharrte und keine Anzeichen von Furcht zeigte, begann sie selbst den Diamanten zu fürchten, der, indem er ihre Dunkelheit erhellte, ihre Macht völlig zerstören würde; und sie hielt es für besser, so zu tun, als würde sie einem Impuls der Großzügigkeit nachgeben und zeigte auf den großen Schlüssel, der auf den Stufen des Throns lag.
Ohne einen Augenblick zu zögern, ergriff Tyltyl ihn und lief zur ersten Tür der Halle.
Alle zitterten vor Schreck. Brot klapperte mit den Zähnen; Zucker, der etwas abseits stand, stöhnte vor Todesangst; Mytyl heulte:
»Wo ist Zucker? Ich will nach Hause!«
Währenddessen versuchte Tyltyl, bleich und entschlossen, die Tür zu öffnen, währen Nachts ernste Stimme, die sich über den Lärm erhob, die erste Gefahr verkündete.
»Es sind die Geister!«
»Oh je!«, dachte Tyltyl. »Ich habe noch nie einen Geist gesehen: es muss schrecklich sein!«
Der treue Tylô an seiner Seite hechelte mit aller Kraft, denn Hunde hassen alles Unheimliche.
Endlich knirschte der Schlüssel im Schloss. Es herrschte eine Stille, so dicht und schwer wie die Finsternis. Keiner wagte einen Atemzug zu tun. Dann öffnete sich die Tür, und im nächsten Moment füllte sich die Dunkelheit mit weißen Gestalten, die in alle Richtungen schwebten. Einige streckten sich bis zum Himmel, andere wanden sich um die Säulen, wieder andere schlängelten sich schnell über den Boden. Es waren menschenähnliche Gestalten, aber es war unmöglich, ihre Züge zu unterscheiden; das Auge konnte sie nicht erfassen. In dem Moment, in dem man sie ansah, verwandelten sie sich in einen weißen Nebel. Tyltyl tat sein Bestes, um sie zu verfolgen; denn Frau Nacht hielt sich an den von der Katze ausgeheckten Plan und tat so, als hätte sie Angst. Sie war seit Hunderten von Jahren die Freundin der Geister und brauchte nur ein Wort zu sagen, um sie wieder zu vertreiben; aber sie hütete sich, etwas dergleichen zu tun, und schlug wie verrückt mit den Flügeln, rief all ihre Götter an und schrie:
»Treibt sie fort! Vertreibt sie! Hilfe! Hilfe!«
Aber die armen Geister die kaum noch herauskommen, seit die Menschen nicht mehr an sie glauben, waren viel zu froh Luft zu schnappen, und hätten sie sich nicht vor Tylô gefürchtet, der versuchte sie in die Beine zu beißen, hätte man sie nie zurückdrängen können.
»Uff!«, keuchte der Hund, als die Tür endlich geschlossen war. »Ich habe starke Zähne, weiß Gott, aber solche Kerle habe ich noch nie gesehen! Wenn man sie beißt, könnte man meinen, ihre Beine wären aus Wolle!«
Inzwischen war Tyltyl auf dem Weg zur zweiten Tür und fragte:
»Was ist hinter dieser Tür?«
Nacht machte eine Geste, als wolle sie ihn davon abbringen. Wollte der hartnäckige kleine Kerl wirklich alles sehen?
»Muss ich vorsichtig sein, wenn ich sie öffne?«, fragte Tyltyl.
»Nein«, sagte Nacht, »es ist nicht der Mühe wert. Das sind die Krankheiten. Sie sind sehr still, die armen kleinen Dinger! Der Mensch führt schon seit einiger Zeit Krieg gegen sie! Mach auf und sieh selbst!«
Tyltyl stieß die Tür weit auf und stand sprachlos vor Erstaunen: Es war nichts zu sehen.
Er wollte die Tür gerade wieder schließen, als er von einer kleinen Gestalt in einem Morgenmantel und einer Baumwollnachtmütze zur Seite gedrängt wurde, die mit dem Kopf wackelte und jede Minute anhielt, um zu husten, zu niesen und sich die Nase zu putzen; und um ihre Hausschuhe anzuziehen, die ihr zu groß waren und immer wieder von den Füßen rutschten. Zucker, Brot und Tyltyl hatten ihre Angst überwunden und fingen an, wie wild zu lachen. Aber kaum waren sie in die Nähe der kleinen Person in der Baumwollnachtmütze gekommen, begannen sie selbst zu husten und zu niesen.
»Es ist die unwichtigste aller Krankheiten«, sagte Nacht. »Es ist eine Erkältung.«
»Oh je, oh je!«, dachte Zucker. »Wenn meine Nase weiter so läuft, bin ich erledigt: Ich werde schmelzen!«
Armer Zucker! Er wusste nicht, wo er sich verstecken sollte. Seit Beginn der Reise war er dem Leben sehr zugetan, denn er hatte sich bis über beide Ohren in Wasser verliebt! Und doch bereitete ihm diese Liebe die größten Sorgen. Fräulein Wasser war ein wunderbarer Flirt, erwartete viel Aufmerksamkeit und war nicht wählerisch, mit wem sie sich einließ; aber sich zu sehr mit Wasser einzulassen, war ein teurer Luxus, wie der arme Zucker feststellen musste; denn bei jedem Kuss, den er ihr gab, ließ er ein Stück von sich zurück, bis er um sein Leben zu zittern begann.
Als er sich plötzlich von einer Erkältung angegriffen sah, hätte er aus dem Palast fliehen müssen, wäre da nicht die rechtzeitige Hilfe unseres lieben Tylô gewesen, der dem kleinen Biest hinterherlief und es in seine Höhle zurücktrieb, unter dem Gelächter von Tyltyl und Mytyl, die sich darüber freuten, dass die Prüfung bisher nicht sehr schlimm gewesen war.
Der Junge rannte deshalb mit noch größerem Mut zur nächsten Tür.
»Nimm dich in Acht!«, rief Nacht mit furchtbarer Stimme. »Das sind die Kriege! Sie sind mächtiger als je zuvor! Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn einer von ihnen ausbricht! Haltet euch alle bereit, um die Tür zurückzudrücken!«
Nacht hatte ihre Warnung noch nicht zu Ende gesprochen, als der tapfere kleine Kerl seine Unbesonnenheit bereute. Er versuchte vergeblich, die Tür zu schließen, die er geöffnet hatte: eine unbesiegbare Kraft drückte sie von der anderen Seite auf, Ströme von Blut flossen durch den Spalt; Flammen schossen heraus; Schreie, Flüche und Stöhnen mischten sich mit dem Donnern der Kanonen und dem Scheppern der Musketen. Alle im Palast der Nacht rannten in wildem Durcheinander umher. Brot und Zucker versuchten zu fliehen, konnten aber den Ausgang nicht finden; sie kehrten zu Tyltyl zurück und drückten verzweifelt die Schultern gegen die Tür.
Die Katze tat so, als hätte sie Angst, während sie sich insgeheim freute:
»Das könnte das Ende sein«, sagte sie und kräuselte ihre Schnurrhaare. »Danach werden sie es nicht mehr wagen, weiterzumachen.«
Der liebe Tylô bemühte sich übermenschlich, seinem kleinen Herrn zu helfen, während Mytyl weinend in einer Ecke stand.
Endlich stieß unser Held einen Triumphschrei aus:
»Hurra! Sie geben nach! Sieg! Sieg! Die Tür ist zu!«
Gleichzeitig ließ er sich völlig erschöpft auf die Treppe fallen und tupfte sich die Stirn mit seinen armen kleinen Händen ab, die vor Angst zitterten.
»Und?«, fragte Nacht barsch. »Hast du genug gehabt? Hast du sie gesehen?«
»Ja, ja!«, antwortete der kleine Junge schluchzend. »Sie sind abscheulich und furchtbar. Ich glaube nicht, dass sie den Blauen Vogel haben.«
»Ganz sicher nicht«, antwortete Nacht wütend. »Wenn sie ihn hätten, würden sie ihn sofort aufessen. Du siehst, dass man nichts tun kann.«
Tyltyl richtete sich stolz auf:
»Ich muss alles sehen«, erklärte er. »Licht hat es gesagt.«
»Das sagt sich so leicht«, erwiderte Nacht, »wenn man Angst hat und zu Hause bleibt!«
»Lass uns zur nächsten Tür gehen«, sagte Tyltyl entschlossen. »Was ist hier drin?«
»Hier bewahre ich die Schatten und die Schrecken auf!«
Tyltyl überlegte eine Minute lang:
»Was die Schatten angeht«, dachte er, »so macht sich Frau Nacht über mich lustig. Es ist mehr als eine Stunde her, dass ich in ihrem Haus etwas anderes als Schatten gesehen habe, und ich werde sehr froh sein, wenn ich wieder Tageslicht sehe. Was die Schrecken angeht, wenn sie so sind wie die Geister, werden wir wieder viel Spaß haben.«
Unser Freund ging zur Tür und öffnete sie, bevor seine Gefährten Zeit hatten, zu protestieren. Sie saßen nämlich alle auf dem Boden, erschöpft vom letzten Schreck, und sahen sich entgeistert an, froh, noch am Leben zu sein. Währenddessen warf Tyltyl die Tür zurück, doch nichts kam heraus:
»Da ist niemand!«, sagte er.
»Doch, da ist jemand! Da ist jemand! Pass auf!«, sagte Nacht, die immer noch Angst vortäuschte.
Sie war einfach wütend. Sie hatte gehofft, mit ihren Schrecken einen großen Eindruck zu machen; und siehe da, die Unglücklichen, die so lange von den Menschen brüskiert worden waren, hatten Angst vor ihm! Sie ermutigte sie mit freundlichen Worten und es gelang ihr, ein paar große, mit grauen Schleiern bedeckte Gestalten hervorzulocken. Sie begannen, in der Halle herumzulaufen, bis sie das Lachen der Kinder hörten, von Angst ergriffen wurden und wieder zurück stürmten. Der Versuch war gescheitert, soweit es Nacht betraf, und die furchtbare Stunde stand kurz bevor. Tyltyl bewegte sich bereits auf die große Tür am Ende der Halle zu. Ein paar letzte Worte wurden zwischen ihnen gewechselt:
»Öffne nicht diese Tür!«, sagte Nacht in ehrfürchtigem Ton.
»Warum nicht?«
»Weil es nicht erlaubt ist!«
»Dann ist hier der Blaue Vogel versteckt!«
»Geh nicht weiter, fordere das Schicksal nicht heraus, öffne nicht diese Tür!«
»Aber warum?«, fragte Tyltyl erneut, hartnäckig.
Daraufhin geriet Nacht, verärgert durch seine Hartnäckigkeit, in Rage, schleuderte ihm die schrecklichsten Drohungen entgegen und endete mit den Worten:
»Nicht einer von denen, die sie geöffnet haben, und sei es auch nur einen kleinen Spalt, ist jemals lebendig ans Tageslicht zurückgekehrt! Sie bedeutet den sicheren Tod; und alle Schrecken, alle Ängste, von denen die Menschen auf Erden sprechen, sind nichts im Vergleich zu dem, was dich erwartet, wenn du darauf bestehst, diese Tür zu berühren!«
»Tu es nicht, lieber Herr!«, sagte Brot mit klappernden Zähnen. »Tu es nicht! Hab Mitleid mit uns! Ich flehe dich auf meinen Knien an!«
»Du opferst das Leben von uns allen«, miaute die Katze.
»Bitte nicht!«, schluchzte Mytyl.
»Schade! Schade!«, jammerte Zucker und verdrehte seine Finger.
Alle flehten und weinten, alle drängten sich um Tyltyl. Nur der liebe Tylô, der den Wunsch seines kleinen Herrn respektierte, wagte kein Wort zu sagen, obwohl er fest daran glaubte, dass seine letzte Stunde gekommen war. Zwei dicke Tränen kullerten ihm über die Wangen, und er leckte verzweifelt Tyltyls Hände ab. Es war wirklich eine sehr ergreifende Szene, und einen Moment lang zögerte unser Held. Sein Herz klopfte wie wild, seine Kehle war wie ausgedörrt vor Kummer, er versuchte zu sprechen und brachte keinen Ton heraus: außerdem wollte er in Gegenwart seiner unglücklichen Gefährten keine Schwäche zeigen!
»Wenn ich nicht die Kraft habe, meine Aufgabe zu erfüllen«, sagte er zu sich selbst, »wer wird sie dann erfüllen? Wenn meine Freunde meine Verzweiflung sehen, ist es um mich geschehen: Sie werden mich meine Mission nicht erfüllen lassen, und ich werde den Blauen Vogel nie finden!«
Bei diesem Gedanken hüpfte das Herz des Jungen in seiner Brust, und seine ganze großzügige Natur erhob sich in Aufruhr. Es wäre nicht richtig, vielleicht nur eine Armlänge vom Glück entfernt zu sein und es nicht zu versuchen, auch auf die Gefahr hin, bei diesem Versuch zu sterben; es zu versuchen und es schließlich der ganzen Menschheit zu übergeben!
Damit war es entschieden! Tyltyl beschloss, sich zu opfern. Wie ein wahrer Held schwang er den schweren goldenen Schlüssel und rief:
»Ich muss die Tür öffnen!«
Er rannte zur großen Tür, Tylô hechelnd an seiner Seite. Der arme Hund war halbtot vor Angst, aber sein Stolz und seine Hingabe an Tyltyl zwangen ihn, seine Ängste zu unterdrücken:
»Ich werde bleiben«, sagte er zu seinem Herrn, »ich habe keine Angst! Ich bleibe bei meinem kleinen Gott!«
In der Zwischenzeit waren alle anderen geflohen. Brot zerbröselte hinter einer Säule; Zucker schmolz in einer Ecke mit Mytyl in seinen Armen zusammen; Nacht und die Katze, die beide vor Wut zitterten, hielten sich am anderen Ende der Halle auf.
Dann gab Tyltyl Tylô einen letzten Kuss, drückte ihn an sein Herz und steckte, ohne zu zittern, den Schlüssel ins Schloss. Aus allen Ecken der Halle, wo die Fliehenden Zuflucht gesucht hatten, ertönte ein Schrei des Entsetzens, während sich die beiden Flügel der großen Tür, wie von Zauberhand, vor den Augen unseres kleinen Freundes öffneten, der vor Bewunderung und Entzücken ganz stumm wurde. Was für eine herrliche Überraschung! Ein wundervoller Garten lag vor ihm, ein Traumgarten voller Blumen, die wie Sterne leuchteten; Wasserfälle, die vom Himmel rauschten, und Bäume, die der Mond in Silber gekleidet hatte. Und dann war da etwas, das wie eine blaue Wolke zwischen den Rosenbüschen wirbelte. Tyltyl rieb sich die Augen; er konnte seinen Sinnen nicht trauen. Er wartete, schaute noch einmal und stürzte dann in den Garten und schrie wie verrückt:
»Kommt schnell! Kommt schnell! Sie sind hier! Endlich haben wir sie! Millionen von blauen Vögeln! Tausende von Millionen! Komm, Mytyl! Komm, Tylô! Kommt alle! Helft mir! Ihr könnt sie haufenweise fangen!«
Ermutigt, kamen seine Freunde herbei und stürzten sich auf die Vögel, um zu sehen, wer die meisten fangen konnte:
»Ich habe schon sieben gefangen!«, rief Mytyl. »Ich kann sie nicht halten!«
»Ich auch nicht!«, sagte Tyltyl. »Ich habe zu viele! Sie entkommen mir! Tylô hat auch welche! Lasst uns hinausgehen, lasst uns gehen! Licht wartet auf uns! Wie erfreut sie sein wird! Hier entlang, hier entlang!«
Und sie alle tanzten und huschten in ihrer Freude davon und sangen dabei Triumphlieder.
Nacht und die Katze, die sich nicht an dem allgemeinen Jubel beteiligt hatten, schlichen sorgenvoll zur großen Tür zurück, und Nacht wimmerte:
»Haben sie ihn erwischt?«
»Nein«, sagte die Katze, die den echten Blauen Vogel hoch oben auf einem Mondstrahl sitzen sah. »Sie konnten ihn nicht erreichen, er war zu weit oben.«
Unsere Freunde rannten in aller Eile die zahllosen Treppen hinauf, die zwischen ihnen und dem Tageslicht lagen. Jeder von ihnen umarmte die Vögel, die er erbeutet hatte, und dachte nicht im Traum daran, dass jeder Schritt, der sie Licht näher brachte, für die armen Dinger tödlich war, sodass sie, als sie oben an der Treppe ankamen, nur noch tote Vögel mit sich führten.
Licht wartete besorgt auf sie:
»Na, habt ihr ihn gefangen?«, fragte sie.
»Ja, ja!«, sagte Tyltyl. »Viele von ihnen! Es sind Tausende! Schau!«
Während er sprach, hielt er ihr die lieben Vögel hin und sah zu seinem Entsetzen, dass sie nur noch leblose Körper waren: ihre armen kleinen Flügel waren gebrochen und ihre Köpfe hingen traurig von ihren Hälsen herab! In seiner Verzweiflung wandte sich der Junge an seine Gefährten. Auch sie umarmten nichts als tote Vögel!
Dann warf sich Tyltyl schluchzend in Lichts Arme. Wieder einmal wurden all seine Hoffnungen zu Boden geworfen.
»Weine nicht, mein Kind«, sagte Licht. »Du hast nicht denjenigen erwischt, der am helllichten Tag leben kann. Wir werden ihn noch finden.«
»Natürlich werden wir ihn finden«, sagten Brot und Zucker mit einer Stimme.
Sie waren beide große Tölpel, aber sie wollten den Jungen trösten. Freund Tylô war so erschüttert, dass er für einen Moment seine Würde vergaß und beim Anblick der toten Vögel ausrief:
»Ob man die wohl essen kann?«
Die Gruppe machte sich auf den Rückweg, um im Tempel des Lichts zu schlafen. Es war eine wehmütige Reise; alle sehnten sich nach dem Frieden zu Hause und waren geneigt, Tyltyl für seine mangelnde Vorsicht zu tadeln. Zucker drängte sich an Brot heran und flüsterte ihm ins Ohr:
»Finden Sie nicht auch, Herr Vorsitzender, dass diese ganze Aufregung sehr unnütz ist?«
Und Brot, der sich geschmeichelt fühlte, so viel Aufmerksamkeit zu erhalten, antwortete aufgeblasen:
»Keine Sorge, mein lieber Freund, ich werde das alles in Ordnung bringen. Das Leben wäre unerträglich, wenn wir uns all die Launen dieses kleinen Tollkopfs anhören müssten! Morgen bleiben wir im Bett!«
Sie vergaßen, dass sie ohne den Jungen, über den sie spotteten, gar nicht mehr am Leben wären, und dass sie sich ihrem Wohltäter zu Füßen geworfen und um Gnade gefleht hätten, wenn er plötzlich gesagt hätte, dass Brot zurück in seinen Kasten muss, um gegessen zu werden, und Zucker, dass er in kleine Klumpen geschnitten werden soll, um Papa Tyls Kaffee und Mama Tyls Sirup zu versüßen. In der Tat waren sie nicht in der Lage, ihr Glück zu schätzen, bis sie mit dem Unglück konfrontiert wurden.
Arme Dinger! Die Fee Bérylune hätte, als sie ihnen ihr menschliches Leben schenkte, ein wenig Weisheit einfließen lassen sollen. Es war nicht ihre Schuld. Natürlich folgten sie nur dem Beispiel des Menschen. Da sie sprechen konnten, plapperten sie; da sie zu urteilen wussten, verurteilten sie; da sie fühlen konnten, beklagten sie sich. Sie hatten ein Herz, das ihr Gefühl der Angst verstärkte, ohne zu ihrem Glück beizutragen. Was ihren Verstand anbelangt, der alles andere leicht hätte regeln können, so machten sie so wenig gebrauch davon, dass er schon ziemlich eingerostet war; und wenn man ihre Köpfe hätte öffnen können, um die Werke ihres Lebens darin zu betrachten, hätte man gesehen, wie die armen Gehirne, die ihr kostbarster Besitz waren, bei jeder Bewegung herumsprangen und in ihren leeren Schädeln klapperten wie trockene Erbsen in einer Schote.
Glücklicherweise wusste Licht dank ihrer wunderbaren Einsicht alles über ihren Geisteszustand. Sie beschloss daher, die Elemente und Dinge nicht mehr einzusetzen, als sie es musste:
»Sie sind nützlich«, dachte sie, »um die Kinder zu füttern und sie unterwegs zu unterhalten; aber sie dürfen keinen weiteren Anteil an den Prüfungen haben, denn sie haben weder Mut noch Überzeugung.«
Unterdessen ging die Gruppe weiter, der Weg wurde breiter und strahlender, und am Ende stand der Tempel des Lichts auf einer kristallenen Höhe und warf seine Strahlen um sich. Die müden Kinder ließen sich vom Hund abwechselnd auf dem Rücken tragen und waren fast eingeschlafen, als sie die leuchtenden Stufen erreichten.